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Freie Meinungsäußerung
Meine Name ist Dietmar Wischmeyer und dies ist das Logbuch einer Reise
durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten. Hier ist mein Bericht.
Als die Väter des Grundgesetzes eines Morgens noch blau vom Abend
davor in den Sitzungssaal kamen, beschlossen sie "Das Recht auf freie
Meinungsäußerung". Schade. Denn leider sind über 100% der
freilebenden Bundesbürger keine Tucholskys und verlegen auch kein
anarchisches Monatsblättchen. Aufgrund dieser fundamentalen
Rechtseinräumung geben sie aber zu allem und jedem ihren Senf dazu.
Sonnabend nachmittag: Ich stehe an der Straße und versuche mit Ata
die Taubenscheiße und Mückenkadaver von meinem Auto zu rubbeln. Da
tritt ein wildfremder Mensch in mein Leben und plaziert seinen
wohlgeformten Meinungsschiß: "Würd' ich nich machen, da bleiben
winzige Kratzer im Lack." - Möglicherweise, wäre mir aber sonst gar
nicht aufgefallen, seither sehr ich aber jeden Morgen ein
totalzerkratztes Auto und ärgere mich schwarz. - Die neue Wohnung,
Gäste werden durch die Räume geführt. Man betritt stolzgeschwellt
das exakt nach dem Katalogvorbild gestaltete Protzo-Bad. Prompt
klatscht die erste Meinungsfäkalie auf die blütenweisse Kachel:
"Hätt' ich so nich gemacht, aber kann ja jeder machen, wie er
will." - Die perfideste Form des Meinungsterrors: Das mal so eben
dahingeschlenzte Todesurteil für die sündhaft teure Nasszelle kommt
gänzlich ohne Argumente daher und sonnt sich auch noch in der
Generosität der Toleranz gegenüber andersartigen - wenn auch nicht
nachvollziehbaren - Badezimmerentwürfen. Aber so sind sie, die blöden
Hunde, an jeder Ecke heben sie ihr Bein und strullen ihre Meinungspisse
in der Gegend herum. - Es schellt an der Haustür, ich öffne und stehe
einem Unbekannten gegenüber. Sein erster Satz: "Ich hätte die Tür
5cm weiter nach rechts gebaute - Ach nee, ist ja interessant, und ich
deinen Kopf über den Augenwülsten 5cm höher.
Was bringt die Bekloppten bloß zu der Vermutung, irgend jemand sei
an ihrem Gehirndünnschiß interessiert. Sie äußern sich ja nicht nur
zur Fassadengestaltung fremder Anwesen, sondern haben auch und gerade
zu weltpolitischen Themen eine wohlüberlegte Meinung parat: "Bosnien,
oder wie dat da heißt - zehn deutsche Planierraupen, und das Problem
wär' vom Tisch. - Tiefbau als humanitäre Hilfe, wie schön ...
"ununun dann Betong drübber." Sicherlich! - Warum gibt es keine
Abfallcontainer für braune Meinung, grüne Meinung und was weiß ich
welche noch: Hauptsache, die Behämmerten halten ihre Köpfe in die
runden Löcher und labern ihren Mumpitz direkt in die schallisolierten
Behälter. - Solange diese drängende Entsorgungsfrage noch nicht
gelöst ist, muß jeder Unbescholtene, der sich in die Öffentlichkeit
wagt, darauf gefaßt sein, Opfer der freien Meinungsäußerung zu
werden.
Ein Mann steht auf einem Bein mit Krücken vor dem Kaufhaus und
hält eine Blechdose vor den Bauch. Statt still und andächtig den
Obolus zu entrichten, schreitet der Bekloppte wie immer zur gnadenlosen
Meinungsablage: "Ich an deiner Stelle hätte lieber zwei Beine - aber
kann ja jeder halten, wie er will."
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(abgetippt von Thomas Bunz) |
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